MEMENTO

Zeitschrift des Vereins Trauernde Eltern&Kinder Rhein-Main e.V.

Mein diesjähriger Beitrag zum Thema „Der unsichtbare Rücksack“

Die Sichtbarmachung

Die Trauer wird hin und wieder mit einer langen Wanderung verglichen, mit einer sehr, sehr langen Wanderung. Hierzu passt dann selbstverständlich auch das Bild des Rucksackes. Beim diesjährigen Thema der memento bin ich jedoch immer wieder an der Bezeichnung „unsichtbar“ hängen geblieben. Unsichtbar. Warum unsichtbar?

In der Trauer um unsere verstorbenen Kinder kann es durchaus sein, dass wir uns auch selbst hin und wieder unsichtbar machen, weghören oder wegdenken müssen. Gerne werden wir jedoch auch mal „übersehen“, sind für andere unsichtbar. Das galt und gilt bis heute immer mal wieder so auch für mich. Wenn die Kraft ausreicht, dann versuche ich mich jedoch ganz bewusst gegen diese Unsichtbarkeit von Tod und Trauer in unserer Gesellschaft regelrecht zu stemmen.

Es braucht Hoffnung zum Weiterleben

und Selbstermächtigung

Ganz zweifellos gibt es diesen Rucksack, den wir mit uns tragen, auf unserem weiteren und restlichen Lebensweg und ebenso zweifellos hat die Trauer um unsere Kinder dort einen sehr großen Platz eingenommen.  Der Rucksack lastet schwer mit seinen Fragen, der Traurigkeit, vielleicht auch Wut und Angst. Es geht mitunter um Gesagtes oder eben nicht Gesagtes und vieles Weiteres nimmt mal mehr oder auch mal weniger Raum ein. Und nach zehn Jahren ohne meinen Sohn Max kann ich heute sagen: ja, mit der Trauer darf man sich auch anderen zumuten. Ich darf traurig sein und darf das auch zeigen. Ganz aktuell freue ich mich darüber, dass Freunde von Max heiraten und selbst Eltern werden. Und in all seiner Gleichzeitigkeit macht mich das auch sehr traurig. Wie soll das auch anders sein….? Trauer hat keine Ablauffrist und wird in solchen Momenten ganz besonders bitter!

Und darüber und über viele weitere Themen und Situationen im Umfeld von Tod und Trauer möchte ich sprechen, sprechen dürfen. Im Verlauf unserer zehnjährigen „Trauererfahrung“ um Max haben meine Frau Sylvia und ich oft Unsicherheit oder Hilflosigkeit und mitunter gar Angst im Umgang mit uns Trauernden feststellen müssen. Damit dies nicht zur Vereinsamung und Unsichtbarkeit führt, haben wir gemeinsam einige Anstrengungen unternommen, um diesem Umstand entgegenzuwirken. Auch weiterhin versuchen wir Informationen zu liefern, Anregungen zu geben und Sichtbarkeit herzustellen.

Es gibt sie, die Vergeblichkeiten

Doch ungesagt, bleibt ungewagt!

Die Themen Tod und Trauer sollten wieder dort verankert werden, wo sie hingehören: in der Mitte der Gesellschaft. Genau dort war lange Zeit ein Wissen präsent, wie Gemeinschaften mit den ritualisierten Formen der Trauer umgehen und diese anwenden. Das (wieder) Anwenden von bewährten Ritualen und die offene Kommunikation von Trauernden kann dazu beitragen, dass neues Wissen um diese Themen entsteht. Lasst uns offen kommunizieren. Gemeinsam, ohne Tabu, Sorge und Angst. Ich würde mir so sehr wünschen, dass wir uns unsere Toten und unsere Trauer nicht nehmen lassen, dass wir reden und aufzeigen wie es uns geht, was uns guttut und was uns fehlt. Bei aller dafür notwendigen Kraftanstrengung wäre es so vielleicht möglich, gegen Unsicherheit und Unwissen anzugehen. Den Rucksack – den Tod und die Trauer – sichtbar zu machen. Für uns und für die Gesellschaft und für unsere Kinder. Die Lebenden und die Verstorbenen.

Andreas Hey

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