WIRK­LICH­KEIT / MÖGLICH­KEIT

…und dann gibt es diesen einen Moment, an dem Deine Welt ganz einfach stehen bleibt! Um Dich herum geht das Leben – so wie ein Film, der jedoch nur um Dich herum abzu­laufen scheint – unge­bremst weiter. Doch Du und Deine Welt, ihr steht still. Wie ein unend­lich langer Moment der Atem­lo­sig­keit. Nichts geht mehr. Ab diesem Moment waren wir, meine Frau Sylvia und ich, trau­ernde Eltern. Unser Sohn Max ist tot.

DAS LEBEN WIRD GETEILT – IN EIN DAVOR UND EIN DANACH

Bis eben noch standen wir mitten im Leben. Und wenn man nicht zufällig darauf ange­spro­chen wird, denkt man darüber nicht nach, was das denn heißt – so mitten im Leben stehen. Steht man wirk­lich fest und sicher, mit beiden Füßen auf dem Boden? Oder hatte man nur das buch­stäb­liche Glück, dass diese Stand­fes­tig­keit nicht auf die Probe gestellt wurde?

Und genauso ist es uns ergangen. Es gab zu keiner Zeit so etwas wie den „großen Plan“, der verfolgt wurde. Das Leben ist uns passiert und wir haben es im Wesent­li­chen dann auch so passieren lassen. Alles lief. Es lief gut und wir waren uns nicht darüber bewusst, wie gut.

Nach dem Tod von Max waren wir nun in einer voll­kommen verän­derten Wirk­lich­keit, einer neuen Realität ange­kommen, die wir auch heute – fast neun Jahre nach seinem Tod – immer noch nicht voll­ständig durch­drungen haben.

VERLETZ­LICH – HILFLOS – AUSGE­LIE­FERT

Es gäbe zwischen­zeit­lich viele Beschrei­bungen und Bilder, mit denen wir versu­chen könnten, unsere dama­ligen Gefühle, Stim­mungen, Erleb­nisse zu schil­dern, doch damals war uns das nicht möglich. Wir wussten nichts. Leer, verloren, allein, sprachlos – weil keine Worte das Unfass­bare beschreiben konnten. Freunde, Familie und Kollegen beglei­teten uns, über­nahmen Aufgaben, leis­teten Beistand.

Mit der Zeit zeich­neten sich dann „Ermü­dungs­er­schei­nungen“ im Umgang mit uns Trau­ernden ab. Einige Menschen in unserem Umfeld sind weiterhin achtsam und bedacht in Hand­lung gegangen, manche haben mit uns mitge­litten, andere waren hilflos und traurig, uns so verzwei­felt und verloren sehen zu müssen und hielten dies kaum aus. Wieder andere sind über die Tatsache erschro­cken, dass – wenn uns dieses Schicksal trifft – es ihnen auch ebenso wider­fahren könne. Und ehrli­cher­weise müssen wir sagen, dass es auch jene gab, denen wir mit unserem Schicksal einfach lästig waren, in ihrem eigenen schönen Leben.

ALLES WILL NEU GEDACHT UND BEWERTET WERDEN

Irgend­wann waren meine Frau und ich dann nur noch fassungslos über die zahl­losen Erwar­tungen, Forde­rungen, Ratschläge und auch Vorwürfe, die zuneh­mend an uns heran­ge­tragen wurden. Irgend­wann haben wir dann im Rahmen der Selbst­er­mäch­ti­gung die Deutungs- und Gestal­tungs­ho­heit über unser Leben wieder selbst über­nommen. Wir wussten zwar noch nicht genau was wir für uns wollten, aber was wir nicht mehr wollten, das sahen wir zuneh­mend klarer. Voraus­set­zung dafür war, dass wir uns erst selbst wieder finden mussten, um dadurch dann voll­ends in unserer neuen Lebens­wirk­lich­keit ankommen zu können. Es wurde vieles neu betrachtet, geprüft, bewertet und hinter­fragt. Reden, reden, reden. Diese Zeit war notwendig und ebenso erkenntnis- wie tränen­reich, hat sie uns doch von der ursprüng­li­chen Frage „was wollen wir“ zur eigent­li­chen Frage „was brau­chen wir“ geführt.

Geholfen haben uns dabei die profes­sio­nelle Unter­stüt­zung eines Vereins für trau­ernde Eltern und Kinder und der sehr wert­volle Austausch mit anderen betrof­fenen Eltern in der Selbst­hil­fe­gruppe, deren Zusam­men­halt uns bis heute trägt. Nach ziem­lich genau einem Jahr nach dem Tod von Max haben wir uns erst­mals auf den Weg gemacht, um den Verein, die Thera­peuten und die anderen trau­ernden Eltern kennen­zu­lernen. Es hat sich gelohnt, sich unseren Ängsten zu stellen und unsere Bedenken zu über­winden. Die Bestär­kungen und die Reso­nanz aus der Gruppe haben uns klarer und sicherer werden lassen Das zu erkennen und zu formu­lieren war und ist gut und wichtig für uns.

ES GIBT KEINEN FAHR­PLAN FÜR DIE TRAUER

Wir begannen über Verän­de­rungen nach­zu­denken, Wünsche und Möglich­keiten zu formu­lieren und legten schließ­lich Samm­lungen an. Wir sammelten diese Wünsche, Hoff­nungen, Erfah­rungen und auch die Sätze, die wir als Unver­schämt­heiten trotz aller Bemü­hungen nicht über­hören konnten.

Einzelne Freund­schaften wurden in dieser Zeit aktiv beendet, auch wenn dies nach dem Verlust unseres Sohnes zu weiteren Abschieden von unserem bishe­rigen Leben führte. Unser aktives Handeln führte uns zuneh­mend auch zu neuen Menschen. Solchen, die uns mit unserem Schicksal kennen­lernten, oder solche, die man dann mit einer ähnli­chen Geschichte in einer Selbst­hil­fe­gruppe kennen­lernen durfte. Alles schien plötz­lich viel klarer, fühlte sich besser an – und führte zu weiteren Verän­de­rungen z.B. auch beim Wohnen und Arbeiten.

EXPERTEN FÜR DIE EIGENE TRAUER

Und die Ursa­chen dafür können wir klar benennen: Selbst handeln, selbst gestalten, bevor man das Gefühl hat, dass man nicht mehr selbst das eigene Handeln bestimmt, sondern bestimmt wird und alles um einen herum einfach geschieht, ohne dass man selbst Einfluss darauf nehmen kann. Jeder ist für sich der beste Experte für die eigene Trauer. Wir haben selbst geplant und gehan­delt: wie gestalten wir Weih­nachten, was machen wir an Geburts- und Todes­tagen? Was geht, was geht nicht? Nicht alles ist gelungen, Garan­tien gibt es weiterhin keine – nur Chancen und Hoff­nungen auf ein eigenes, frei gestal­tetes Leben. Dem Gefühl zu vertrauen, das haben wir neu erlernen müssen.

In dieser inten­siven Zeit haben wir zahl­reiche Erkennt­nisse erlangt – kann man auch sagen gewonnen? Kann man aus dem Tod des Sohnes Gewinn schöpfen…? Mitt­ler­weile denken wir: JA, das kann und das darf man! Ebenso wie wir es uns erlaubt haben, ein eigenes, viel­leicht neues Leben zu leben. Wenn Max nun gestorben ist, uns jeden Tag fehlt, dann sollte das doch zumin­dest zu etwas Neuem, Besseren führen.

ÜBER DEN TOD REDEN BRINGT KEINEN UM!

Aus unseren Samm­lungen und den mitunter bitteren Erfah­rungen heraus, wie in unserer Gesell­schaft mit Trauer umge­gangen wird, und dem zwischen­zeit­lich von uns deut­li­cher formu­lierten Wunsch nach Beistand und Verständnis für Trau­ernde, ist im Laufe der Zeit eine Broschüre entstanden, die die Welt der Trau­ernden und die der (Noch-) Nicht-Trau­ernden ein wenig einander annä­hern und verständ­lich machen soll. Der Trauer wird in unserer (Leis­tungs-) Gesell­schaft aus ganz unter­schied­li­chen Gründen (von mindes­tens Unsi­cher­heit, meist Hilf­lo­sig­keit oder mitunter gar Angst und oft auch aus einer großen Portion Unwis­sen­heit heraus) kaum Zeit und Raum gewährt.

TRAUER HAT KEINE ABLAUF­FRIST – SIE IST DIE VERBIN­DUNG ZU UNSEREN VERSTOR­BENEN

„Tod und Trauer“ haben einen festen Platz in unserem Leben und wir geben diesem Thema auf viel­fäl­tige Weise Ausdruck. Bilder, Fotos und unsere Texte teilen wir auf unserer Website und bei Insta­gram und stehen dort mit anderen Trau­ernden im regen Austausch. Es würde uns sehr freuen, wenn wir durch unsere Erfah­rungen und Erkennt­nisse anderen Menschen, die einen Verlust erlitten haben, eine Unter­stüt­zung sein könnten, ihren eigenen Trau­erweg zu finden und zu gehen.

Hat diese Aufgabe nun uns gesucht? Oder haben wir uns dieser Aufgabe durch die verän­derte Wirk­lich­keit gestellt? In jedem Fall ist es eine sehr erfül­lende Aufgabe, die auch immer ihren Ursprung offen­bart: Unser Sohn Max fehlt!

Es gibt auch weiterhin die ganz schmerz­li­chen Momente, Tage, Zeiten und – das haben wir zwischen­zeit­lich erfahren – auch diese gehen wieder vorbei, wenn auch ein Trau­er­schleier über unserem Leben bleiben wird, bis ans Ende unserer Tage.

Dem Gehenden – so sagte es Martin Walser – schiebt sich der Weg unter die Füße. So ist es wohl auch uns ergangen. Lasst uns alle immer wieder aufbre­chen, lasst uns gehen.

Dieser Artikel ist in Kooperation mit Trauer-Now entstanden und wurde dort im Magazin veröffentlicht. Vielen Dank dafür!

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